Kritiken

Mit einem Lächeln in der Stimme

Russische und jiddische Lieder in der Dreikönigskirche

Nach einem unruhigen Wochenende, bei dem eine Gefährdung auch der jüdischen Gemeinde nicht augeschlossen schien, war ein Konzert mit russischen und jiddischen Liedern in der Dreikönigskirche eine Bekräftigung der Lebensfähigkeit einer Kultur, die die Vorgänger der neuen Rechtsextremen fast völlig zum Schweigen gebracht hatten. Die Protagonistin des Programms, Valeria Schischkowa, bekennt, in Russland kaum Kontakt mit dem jüdischen Kulturkreis gehabt zu haben, obwohl sie einer russisch-jüdischen Familie entstammt. Erst als sie vor neun Jahren nach Dresden kam, konnte sie jüdische, vor allem aber jiddischsprachige Kultur für sich neu entdecken. So wird es vielen Immigranten ergangen sein, die aus früheren Sowjetrepubliken nach Deutschland gekommen sind.

Inzwischen ist Schischkowa (die Schreibweise Shishkova ist nicht sehr sinnvoll, weil die Musikerin ja in Deutschland lebt) in Dresden keine Unbekannte mehr. Vor ziemlich genau einem Jahr hat das rocktheater dresden das Musical "Kandiszucker" von dem israelischen Dichter Michoel Felsenbaum und Detlef Hutschenreuter aufgeführt. Die Musik zu diesem deutsch-russischen Integrationsprojekt stammt von Valeria Schischkowa und wurde von Felsenbaum um zusätzliche Lieder ergänzt. In der Dreikönigskirche war nun Gelegenheit, im Rahmen der Reihe "Musik zwischen den Welten" Schischkowa erneut als Interpretin ihrer eigenen Kompositionen zu erleben. Ihre Kompositionsweise knüpft kaum je an bekannte Schemata jüdischen Musizierens an. Ihre Lieder erinnern eher an die Tradition russischer Romanzen, sind aber zum Glück frei von deren Sentimentalität. Man sollte sie wohl am besten in die Kategorie neuer strophischer Kunstlieder eingliedern. Schischkowa liebt offenbar Liedschlüsse, die nicht mit der Tonika enden und wie Fragezeichen an den Liedern hängen. Viele Texte stammen von Lew Berinsky, einem Freund der Komponistin, andere von Marina Zwetajewa oder Arseni Tarkowski. Über die poetischen Qualitäten sind keine Aussagen möglich, weil die knappen Inhaltsangaben wenig informativ sind und die russischen und jiddischen Texte kaum zu verstehen waren, weil die Gesangsstimme im gleichen Register wie die Begleitinstrumente liegt.

Auch der Gesang Schischkowas nimmt für sie ein. Wie ihr gesamtes Auftreten ist auch ihr Singen unprätentiös und nicht auf äußeren Effekt angelegt. Eins aber kann sie gewiss: man hört es an der Stimme, wenn die Sängerin lächelt. Dadurch vermittelt sie eine Freundlichkeit, um die sie mancher Popstar beneiden könnte. Und da sie nach eigener Aussage nur Lieder singt, die ihr gefallen, strahlt sie eine Ehrlichkeit aus, die in der zeitgenössischen Konzertpraxis selten geworden ist und gelegentliche Unbeholfenheit bei der Präsentation und ungeschickte Programmdramaturgie (Ansage - Lied - Ansage - Lied ohne Variation) vergessen macht. Auch in der Begleitung könnte man sich etwas mehr Abwechslung vorstellen, obwohl ihre drei Musiker (Aleksandr Bersutski, Violine, sowie Elena und Ruslan Kratschkowski, die auf ihren Akkordeons wahre Wunderdinge zaubern) der Qualität des Gesangs durchaus Gleichwertiges bieten.

Peter Zacher


Gefühlsstärke und Perfektion

Jiddische Lieder auf Schloss Tenneberg
Thüringer Landeszeitung

Waltershausen. Musik ist die Seele des Volkes. Das trifft auf kaum eines mehr zu, als auf das jüdische. Jiddische Lieder sind ein Spiegel der Jahrhunderte, vereinen Erfahrungen der eigenen Geschichte mit der Verschmelzung anderer Kulturen – und sie sind Ausdruck von Trauer, Lust und Lebensfreude auf ganz besondere Weise.
Und so können jiddische Lieder nur überzeugend gesungen werden, wenn man sie im Herzen trägt – wie Valeriya Shishkova. Die Russin, die seit einem Jahrzehnt in Dresden lebt, ist auf Schloss Tenneberg keine Unbekante. Mit ihrem Programm „Ain Tal fun Dir, ain Tal fun mir“ verzauberte sie mit ihrem Ensemble am Samstag Abend im Festsaal des Schlosses die Besucher erneut.
Jiddisch hat einen Vater und eine Mutter. Letztere ist die hebräische Sprache, erster die Deutsche. Das erzählte Valeriya Shishkova dem Publikum, das sie überhaupt mit viel Charme und Sachkenntnis in die jiddische Kultur einführte.
Da alle Theorie aber bekanntlich grau ist, zeigten sich die traditionellen jiddischen Lieder um so farbenprächtiger. Die wandlungsfähige, warme Stimme der Sängerin machte Tränen ebenso hörbar wie das stille Licht des Monds, ließ den Vogelflug erleben wie das unendliche Glück der Liebe. Unterstütz wurde Valeriya Shishkova von Sergey Trembitskiy (Klavier und Flöte) und Gennadiy Nepomnjaschiy auf der Klarinette. Das Trio begeisterte schlichtweg durch ausdrucksvolle Gefühlsstärke, Leidenschaft und Perfektion…

Klaus-Dieter Simmen


Eine Hälfte von Dir - Eine Hälfte von mir

Der Abend am 15.05.2010 mit jiddischen Liedern im Festsaal war ein so gelungenes Ereignis, dass wir uns kurzfristig entschlossen, am Tag darauf das Ensemble um VALERIYA SHISHKOVA noch einmal zu erleben und zwar im Schloss in Sondershausen. Da hatte ich auch den Kopf frei, um das Ganze so richtig zu genießen. Die Shishkova, welche zwar jüdischen Wurzeln hat, deren Vater aber schon nicht mehr jiddisch sprach, entdeckte die jiddische Musik so richtig erst als junge erwachsene Frau. Diese Musik hat eine ganz besondere Mentalität zwischen Scharfsinn, Melancholie, Lebensfreude und großer Ausdruckskraft. Man kann sie auch ganz in sich tragen, ohne in der Kindheit von ihr geprägt worden zu sein.

Das hat die Sängerin eben nicht nur durch ihren Gesang überzeugend dargebracht. Mal still und dann wieder energisch, mal zutiefst bewegend und dann wieder so fröhlich, temperamentvoll und wieder verhalten, waren Gestik, Mimik, Gesang und Aura eine nie routinierte dafür aber stimmige Aufführung. GENNADIY NEPOMNJASCHIY an Klarinette und SERGEY TREMBITSKIY am Klavier und der Querflöte waren die idealen Begleiter. NEPOMNJASCHIY tanzte, gestikulierte und hatte noch genügend Kraft, Technik und Luft für sein Instrument in petto. TREMBITSKIY, am Flügel in Sondershausen optisch im Hintergrund, überzeugte auch auf der Querflöte. Im (musikalischen) Dialog mit seinem Kollegen machte er das Trio perfekt.

Alle, die die Konzerte in Walters- und Sondershausen mit erleben durften, waren begeistert von der mitreißenden Art des Ensembles. Sobald wird das Trio nicht wieder in Waltershausen gastieren können. Trotzdem, sie waren mit Sicherheit nicht das letzte Mal im Schloss Tenneberg.

Thomas Reinicke
Museumsdirektor Schloss Tenneberg


(C) 2009 - Valeriya Shishkova

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