Jiddische
Lieder
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Kritiken

Eine Entführerin, die verzaubert

Valeriya Shishkova singt jiddische Lieder
Kleinkunstdiele in Bücken am 29. Januar 2016

Horst Friedrichs
Ihre Stimme ist eine Entführerin: Valeriya Shishkova singt jiddische Lieder. So einfach dieser Satz klingt, so faszinierend und vielfältig ist seine Bedeutung. Die Zuhörer in der Kleinkunstdiele Bücken erlebten es am Freitagabend, sobald sich die aus Moskau stammende Sängerin über den fliegenden Klangteppich erhob, den ihre Begleitmusiker für sie ausbreiteten. Dann dauerte die Entführung hin zu östlichen Seelen- und Landschaftsweiten nur Flugsekunden verzauberter Vorstellungskraft – von Valeriya Shishkova mit Leichtigkeit beflügelt und getragen von ihrem Timbre, aufsteigend aus melancholischen Alt-Tiefen in jubilierende Höhenflüge mit unvergleichlich ausdrucksstarkem Vibrato. Bevor das musikalische Entführungs-Erlebnis in der Kleinkunstdiele begann, schilderte Valeriya Shishkova die Entstehung der jiddischen Sprache und erfreute das Publikum mit einem Crashkurs über die sprachlich-phonetischen Eigenarten des Jiddischen. Shishkova, in der russischen Hauptstadt geboren und seit 18 Jahren in Dresden lebend, wird in ihrem Konzertprogramm „Jiddische Lieder und Klezmer“ von zwei versierten russischen Musikern begleitet, die sich „Di Vanderer“ nennen. Das sind Gennadiy Nepomnjaschiy, Klarinette, und Sergej Trembitskiy, Klavier und Querflöte. Ihr ausgefeiltes Zusammenspiel gibt der Sängerin die Grundlage für den Ruf, den sie erworben hat; in Deutschland gilt sie als eine der überzeugendsten Interpretinnen jiddischer Lieder. Bereits vor einem Jahr war sie schon einmal in der Bücker Kleinkunstdiele zu Gast. Auch als humorvolle und einfühlsame Geschichtenerzählerin erwies sich Valeriya Shishkova am Freitagabend vor den dichtbesetzten Publikumsreihen. Zu jedem ihrer Lieder und auch zu den instrumentalen Auftritten ihrer Begleitmusiker wusste sie die oft heiteren und ebenso oft tiefsinnigen Hintergründe bildhaft zu schildern. So war es dann jeweils nur noch ein kleiner Schritt bis hin zu den osteuropäisch-jüdischen Entführungszielen, mit deren Lebenswelten sich die Lieder befassten. Heiter bis traurig stimmten diese Stücke aus dem Alltagsleben – ob es um Probleme mit Müttern und Schwiegermüttern ging oder um Liebe und Leid. Für die instrumentalen Klezmer-Komponenten sorgten Gennadiy Nepomnjaschiy und Sergej Trembitskiy mit der ganzen Bandbreite ihres Könnens. Nepomnjaschiy begeisterte mit seiner Virtuosität und mit „reflexiven“ Wirkungen, etwa wenn er mit komödiantischem Talent nicht nur das Publikum, sondern auch seine Klarinette zum Lachen brachte. Dazu lieferte Sergej Trembitskiy eine Vielfalt von Klaviertechniken – von Musette-Andeutungen bis hin zum wuchtig „schreitenden“ Stride-Piano. Bei rhythmusbetonten Stücken fiel es den Akteuren auf der Kleinkunstbühne leicht, die Zuhörer zum Mitklatschen anzufeuern. Griff Trembitskiy zur Querflöte, entstanden schwermütige „Dialoge“ mit der Klarinette, aber auch harmonisch überwältigende Dreiklänge der Sängerin und der beiden Instrumentalisten. Die klezmertypischen Wechsel der Tempi beeindruckten ebenso wie die wechselnden Stimmungen, die Sängerin und Musiker gemeinschaftlich-vollendet anzuwenden verstanden, um ihr Ziel zu erreichen – das nicht nur widerstandslose, sondern begeisterte Einverständnis des Publikums, sich von jiddischem Feeling mitreißen zu lassen.

Westfälische Nachrichten

Synagoge Drensteinfurt am 29. Januar 2016

Jannik Frohne
Jiddische Musik in all ihrer Vielfalt gab es am vergangenen Freitag in der bis auf den letzten Platz gefüllten Synagoge in Drensteinfurt zu hören. Valeriya Shishkova und das Duo „Di Vanderer“, mit Gennadiy Nepomnjaschiy an der Klarinette und Sergey Trembitskiy am Klavier und an der Flöte, begeisterten das Publikum mit abwechslungsreichen Liedern der jiddischen Volksmusik, dem Klezmer und Gedichten des bekannten jiddischen Autoren Itzik Manger. Die Stücke handelten vom Liebeskummer eines Mädchens oder einer Hochzeit einer jungen Frau, die aus dem Blickwinkel der Mutter der Braut betrachtet wurde. Bei genauem Hinhören konnten die Zuhörer den Texten sogar folgen, denn das Jiddische ist eine Mischung aus dem Hebräischen und Deutschen und hat in Osteuropa und auch in Deutschland seine Spuren hinterlassen. Die Musiker begeisterten das Publikum jedoch nicht nur durch ihr musikalisches Talent, sondern auch durch ihre unterhaltsamen Showeinlagen und den eindrucksvollen Beweis, dass die bekannte Musikrichtung Jazz ihre Wurzeln im Klezmer hat. Aus diesem Grund beschert ihnen dieses abwechslungsreiche Programm in Deutschland und Europa große Anerkennung. Valeriya Shishkova und „Di Vanderer“ möchten mit ihrer Musik zudem nicht nur unterhalten, sondern auch an die tragische Zeit der Judenverfolgung in Europa vor allem zur Zeit des Nationalsozialismus erinnern, weshalb das Konzert zwei Tage nach dem Holocaustgedenktag stattfand.

Gefühlsstärke und Perfektion

Jiddische Lieder auf Schloss Tenneberg
Thüringer Landeszeitung

Waltershausen. Musik ist die Seele des Volkes. Das trifft auf kaum eines mehr zu, als auf das jüdische. Jiddische Lieder sind ein Spiegel der Jahrhunderte, vereinen Erfahrungen der eigenen Geschichte mit der Verschmelzung anderer Kulturen – und sie sind Ausdruck von Trauer, Lust und Lebensfreude auf ganz besondere Weise.
Und so können jiddische Lieder nur überzeugend gesungen werden, wenn man sie im Herzen trägt – wie Valeriya Shishkova. Die Russin, die seit einem Jahrzehnt in Dresden lebt, ist auf Schloss Tenneberg keine Unbekante. Mit ihrem Programm „Ain Tal fun Dir, ain Tal fun mir“ verzauberte sie mit ihrem Ensemble am Samstag Abend im Festsaal des Schlosses die Besucher erneut.
Jiddisch hat einen Vater und eine Mutter. Letztere ist die hebräische Sprache, erster die Deutsche. Das erzählte Valeriya Shishkova dem Publikum, das sie überhaupt mit viel Charme und Sachkenntnis in die jiddische Kultur einführte.
Da alle Theorie aber bekanntlich grau ist, zeigten sich die traditionellen jiddischen Lieder um so farbenprächtiger. Die wandlungsfähige, warme Stimme der Sängerin machte Tränen ebenso hörbar wie das stille Licht des Monds, ließ den Vogelflug erleben wie das unendliche Glück der Liebe. Unterstütz wurde Valeriya Shishkova von Sergey Trembitskiy (Klavier und Flöte) und Gennadiy Nepomnjaschiy auf der Klarinette. Das Trio begeisterte schlichtweg durch ausdrucksvolle Gefühlsstärke, Leidenschaft und Perfektion…

Klaus-Dieter Simmen

Eine Hälfte von Dir - Eine Hälfte von mir

Der Abend am 15.05.2010 mit jiddischen Liedern im Festsaal war ein so gelungenes Ereignis, dass wir uns kurzfristig entschlossen, am Tag darauf das Ensemble um VALERIYA SHISHKOVA noch einmal zu erleben und zwar im Schloss in Sondershausen. Da hatte ich auch den Kopf frei, um das Ganze so richtig zu genießen. Die Shishkova, welche zwar jüdischen Wurzeln hat, deren Vater aber schon nicht mehr jiddisch sprach, entdeckte die jiddische Musik so richtig erst als junge erwachsene Frau. Diese Musik hat eine ganz besondere Mentalität zwischen Scharfsinn, Melancholie, Lebensfreude und großer Ausdruckskraft. Man kann sie auch ganz in sich tragen, ohne in der Kindheit von ihr geprägt worden zu sein.

Das hat die Sängerin eben nicht nur durch ihren Gesang überzeugend dargebracht. Mal still und dann wieder energisch, mal zutiefst bewegend und dann wieder so fröhlich, temperamentvoll und wieder verhalten, waren Gestik, Mimik, Gesang und Aura eine nie routinierte dafür aber stimmige Aufführung. GENNADIY NEPOMNJASCHIY an Klarinette und SERGEY TREMBITSKIY am Klavier und der Querflöte waren die idealen Begleiter. NEPOMNJASCHIY tanzte, gestikulierte und hatte noch genügend Kraft, Technik und Luft für sein Instrument in petto. TREMBITSKIY, am Flügel in Sondershausen optisch im Hintergrund, überzeugte auch auf der Querflöte. Im (musikalischen) Dialog mit seinem Kollegen machte er das Trio perfekt.

Alle, die die Konzerte in Walters- und Sondershausen mit erleben durften, waren begeistert von der mitreißenden Art des Ensembles. Sobald wird das Trio nicht wieder in Waltershausen gastieren können. Trotzdem, sie waren mit Sicherheit nicht das letzte Mal im Schloss Tenneberg.

Thomas Reinicke
Museumsdirektor Schloss Tenneberg

Mit einem Lächeln in der Stimme

Russische und jiddische Lieder in der Dreikönigskirche

Nach einem unruhigen Wochenende, bei dem eine Gefährdung auch der jüdischen Gemeinde nicht augeschlossen schien, war ein Konzert mit russischen und jiddischen Liedern in der Dreikönigskirche eine Bekräftigung der Lebensfähigkeit einer Kultur, die die Vorgänger der neuen Rechtsextremen fast völlig zum Schweigen gebracht hatten. Die Protagonistin des Programms, Valeria Schischkowa, bekennt, in Russland kaum Kontakt mit dem jüdischen Kulturkreis gehabt zu haben, obwohl sie einer russisch-jüdischen Familie entstammt. Erst als sie vor neun Jahren nach Dresden kam, konnte sie jüdische, vor allem aber jiddischsprachige Kultur für sich neu entdecken. So wird es vielen Immigranten ergangen sein, die aus früheren Sowjetrepubliken nach Deutschland gekommen sind.

Inzwischen ist Schischkowa (die Schreibweise Shishkova ist nicht sehr sinnvoll, weil die Musikerin ja in Deutschland lebt) in Dresden keine Unbekannte mehr. Vor ziemlich genau einem Jahr hat das rocktheater dresden das Musical "Kandiszucker" von dem israelischen Dichter Michoel Felsenbaum und Detlef Hutschenreuter aufgeführt. Die Musik zu diesem deutsch-russischen Integrationsprojekt stammt von Valeria Schischkowa und wurde von Felsenbaum um zusätzliche Lieder ergänzt. In der Dreikönigskirche war nun Gelegenheit, im Rahmen der Reihe "Musik zwischen den Welten" Schischkowa erneut als Interpretin ihrer eigenen Kompositionen zu erleben. Ihre Kompositionsweise knüpft kaum je an bekannte Schemata jüdischen Musizierens an. Ihre Lieder erinnern eher an die Tradition russischer Romanzen, sind aber zum Glück frei von deren Sentimentalität. Man sollte sie wohl am besten in die Kategorie neuer strophischer Kunstlieder eingliedern. Schischkowa liebt offenbar Liedschlüsse, die nicht mit der Tonika enden und wie Fragezeichen an den Liedern hängen. Viele Texte stammen von Lew Berinsky, einem Freund der Komponistin, andere von Marina Zwetajewa oder Arseni Tarkowski. Über die poetischen Qualitäten sind keine Aussagen möglich, weil die knappen Inhaltsangaben wenig informativ sind und die russischen und jiddischen Texte kaum zu verstehen waren, weil die Gesangsstimme im gleichen Register wie die Begleitinstrumente liegt.

Auch der Gesang Schischkowas nimmt für sie ein. Wie ihr gesamtes Auftreten ist auch ihr Singen unprätentiös und nicht auf äußeren Effekt angelegt. Eins aber kann sie gewiss: man hört es an der Stimme, wenn die Sängerin lächelt. Dadurch vermittelt sie eine Freundlichkeit, um die sie mancher Popstar beneiden könnte. Und da sie nach eigener Aussage nur Lieder singt, die ihr gefallen, strahlt sie eine Ehrlichkeit aus, die in der zeitgenössischen Konzertpraxis selten geworden ist und gelegentliche Unbeholfenheit bei der Präsentation und ungeschickte Programmdramaturgie (Ansage - Lied - Ansage - Lied ohne Variation) vergessen macht. Auch in der Begleitung könnte man sich etwas mehr Abwechslung vorstellen, obwohl ihre drei Musiker (Aleksandr Bersutski, Violine, sowie Elena und Ruslan Kratschkowski, die auf ihren Akkordeons wahre Wunderdinge zaubern) der Qualität des Gesangs durchaus Gleichwertiges bieten.

Peter Zacher